schattenIm Sommer letzten Jahres bin ich mit meiner Familie, oder zumindest einem Teil davon, den Jakobsweg gelaufen.
Wir haben uns für den Camino Portugues entschieden. Wir, das sind mein Mann Stefan und ich, sein elfjähriger Sohn, meine dreizehnjährige Tochter und mein fünfzehnjähriger Sohn. Wir haben diesen Weg gewählt, da ich den Klassiker Camino Frances in Teilen schon kannte und wir nicht wollten, dass unser Weg zu überlaufen ist.


Zeitlich waren wir leider arg eingeschränkt und hatten nur 13 Tage zur Verfügung. Mit Hin & Rückflug machte das 11 Tage zum Laufen. Also planten wir, die letzten 100 km ab Tui/Valenca zu laufen, da wir so auch in den Genuss kämen, am Ende in Santiago anzukommen und die Kinder eine Compostela erhalten könnten, wie es ihr Wunsch war.
schuhe rucksackAm 31.07.16 ging es dann los: der Flieger nach Porto startete endlich! Nach den ganzen Vorbereitungen wie Rucksäcke und Wanderschuhe kaufen, Schlafsäcke und Wander-Klamotten besorgen, kleine Hygiene Artikel und Funktions-Handtücher beschaffen, für jeden eine selbst ausgesuchte Käppi gegen die Sonne kaufen, die Route planen bzw. Reiseführer wälzen oder in der entsprechenden Facebook-Gruppe nach Infos suchen waren wir schon sehr gespannt und freudig ungeduldig.

In Porto landeten wir sehr spät am Abend. Daher hatte mein Mann den Abhol-Service gebucht: am Flughafen erwartete uns ein Mann mit einem Schild in der Hand, wo unser Name draufstand. Wie im Film! Die Kinder fanden das schon sehr aufregend. Es war eine kurze Nacht, da wir es doch alle irgendwie nicht abwarten konnten. Also aufgestanden, Rucksack aufgeschnallt und los, rein nach Porto. Ein halber Tag stand uns zur Verfügung, um Porto zu entdecken. Am Nachmittag fuhren wir dann mit dem Zug bis nach Valenca. Dort hatten wir auch in einem Hotel vorgebucht. Am nächsten Morgen wollten wir endlich starten. Rucksack auf, Wanderschuhe an und los!


wegDie Wege auf diesen letzten 100km des Camino Portugues waren ungefähr zur Hälfte auf Betonboden. Das war nicht so schön zum Laufen. Wir freuten uns also jedes Mal, wenn wir Wald erreichten und auf Waldboden laufen konnten, geschützt im Schatten von Bäumen. Zumeist Eukalyptusbäumen, die ich sehr liebe.
Ich war sehr erstaunt, wie gut und überaus motiviert alle drei Kinder den Weg liefen. Die Stimmung war durchweg super, mal sangen wir Lieder, mal hörten die Kids Musik auf ihren Kopfhörern, mal führten wir intensive Gespräche. Mal alle zusammen, mal einzelne miteinander, wobei sich die Mischung auch oft änderte. Nur Schweigen, das gab es kaum. Einmal, wir waren an dem Tag viele Kilometer durch die direkte Sonne bei 39 Grad gelaufen, machten wir Pause, sobald sich uns ein schattiges Plätzchen bot. Alle waren ziemlich nass geschwitzt und k.o. Aber nicht der Lütte! Er quasselte immer noch wie ein Wasserfall ohne Punkt und Komma. Stefan und ich schauten uns nur an, und sagten dann wie aus einem Mund zu dem Kind, es möge doch endlich auch mal seinem Mund eine Pause gönnen. Er kommentierte dies mit einem fröhlichem "Okeh" und tat, wie ihm geheißen.
wasserUnterwegs zu sein mit den Kindern hieß, auf jeden Rücksicht zu nehmen. Der Langsamste bestimmte das Tempo, bzw. die Kinder mit ihren Wünschen. War z.B. ein Spielplatz auf dem Weg, hielten wir dort an. Gab es eine Abzweigung zu einem Berg hinauf, von dem aus man einen guten Ausblick haben sollte, hielten wir an und die, die wollten, liefen zur schönen Aussicht. Gab es ein Café mit Eis, W-Lan und Kaffee, hielten wir an.
Wir ließen die Kinder zum Bestimmer des Tempos und der Tour werden. Wir besprachen jeden Tag den Plan für den nächsten Tag mit ihnen, ließen sie mitentscheiden. Unterwegs trafen wir gemeinsam die Entscheidung, wann wir wo und wie Pause machen wollten. Wo und was wir aßen und wonach uns der Sinn stand.
Wir überlegten gemeinsam, wie viele Kilometer wir an jedem einzelnen Tag meinten, schaffen zu können.
Machten es abhängig davon, was uns am Zielort erwartete. So überlegten wir an einem Ort spontan, nach den ersten 10 km durch sengende Hitze, noch die nächsten 10 km zu schaffen. So würden wir am Ende in Santiago noch einen weiteren Tag zum Verweilen haben. So aßen wir Tapas zum Mittag, stärkten uns mit Getränken und Eis, buchten ein Zimmer in einer Pension durch die Hilfe eines netten Spaniers, der eine deutsche Frau geheiratet hatte und einige Zeit in Deutschland gelebt hatte und darum fließend deutsch sprach und liefen dann die weiteren 10 km durch die Hitze. Es war wirklich einer der heißesten Tage und wir kühlten uns in jedem Brunnen unterwegs ab, indem wir unsere Käppis mit dem kalten Wasser füllten und es über uns schütteten.

tischDie Hitze war in diesem Jahr besonders groß, was ein echtes Problem darstellte, weswegen wir oft Pausen machen mussten. Außerdem war ich mit angeschlagenem Rücken in den Jakobsweg gestartet. Durch die Pausen und unser langsames Gehen kamen wir aus Pilgersicht immer recht spät in den Orten an (15:00 Uhr). Das konnte dann schon knapp werden, wenn wir zu fünft in einen Ort kamen, wo es nur ca. 30 Herbergsbetten gab. Einmal mussten wir deshalb unsere Suche nach freien Betten nach zwei Stunden vor Ort abbrechen und uns mit dem Taxi an einen größeren Ort bringen lassen. Das hat stark an meiner Stimmung gezerrt, da wir uns so plötzlich in einer hektischen Großstadt wiederfanden. Aber auch hier haben wir das beste rausgeholt, was möglich war. Wir fuhren mit dem Bus zum Strand und aßen gemütlich in einer Strandbar ein deftiges Abendessen. Lustig war auch hier die Verständigung: nachdem alle ihre Burger und Co bestellt hatten, flüsterte meine Tochter mir zu, sie wolle ihren Burger aber ohne Tomate. Ich sagte ihr, sie solle die Tomate halt nachher rausnehmen, da hier niemand Englisch sprach und meine spanischen Brocken dafür nicht ausreichten, dem Kellner zu erklären, wo die Tomate nicht drauf sollte. Woraufhin sie anfing laut zu jammern und zu nölen, was bei ihren Brüdern nur noch ein Augenrollen hervorrief. Der Kellner beobachtete das Theater eine Weile, dann erhellte sich sein Gesicht und er zeigte auf meine Tochter und rief: "No Tomato?!?!" Die ganze Familie bejubelte laut seine gute Auffassungsgabe und das Töchterlein war schlagartig still.

fruehstueckUnterwegs trafen wir immer wieder auf andere Pilger, die erstaunt nachfragten, womit wir die Kinder dazu bekommen hätten, mit uns den Jakobsweg zu laufen. Unsere Antwort, dass sie es selber wollten, verblüffte so einige. So trafen wir auch mehrfach auf ein Ehepaar aus dem Libanon. Beim dritten Treffen gingen wir eine Weile gemeinsam und die Kinder probten selig ihr englisches Sprachverständnis mit den beiden sehr netten Menschen. In einer Bar tranken wir noch gemeinsam einen Kaffee, bevor sich unsere Wege wieder trennten.

Dieser Urlaub war für mich der schönste Urlaub, den man mit seiner Familie machen kann!
Man verbringt jeden Tag ganz intensiv mit seinen Kindern, den ganzen Tag beim gemeinsamen Laufen und nachts schläft man zusammen mit allen in einer Herberge im selben Zimmer. Wann hat man die Chance, soviel Zeit mit seinen pubertierenden Kids am Stück zu verbringen? Es war so ein großes Geschenk, für das ich sehr dankbar bin! Auch hatte das Pilgern eine so unglaublich entspannende Wirkung auf mich und meine Familie. Jeden Tag startest du gemeinsam, triffst so grundlegende fuesse santiagoEntscheidungen miteinander, überlegst zusammen, wie viele km man schafft, was man wann isst, wo man übernachtet, wo man langläuft. Man bespricht quasi die elementaren Bedürfnisse des Lebens jeden Tag neu.
Kein TV, keine Zeitung, keine News. Keine Arbeit, keine Schule, keine Termine, keine Störungen von außen. Nur deine Familie und du, der Weg, das Wetter und das Land, was es zu entdecken gilt. Andere Pilger, die man auf dem Weg trifft, mal viele, mal wenige. Viele Pilger trafen wir in einer Herberge, wo der Herbergsvater jeden Abend für seine Gäste kocht und man gemeinsam im Garten an einer langen Tafel zusammensitzt. Es entstanden viele Gespräche über den Tisch hinweg in unterschiedlichen Sprachen, einige wurden übersetzen, in anderen verständigte man sich direkt in englischer Sprache. Beim gemeinsamen Spülen, unter anderem mit einer Irin, entwickelte sich ein längeres interessantes Gespräch.
Alles in allem die schönste Art, mit der Familie Urlaub zu machen. Erholsam, aufregend, spannend und entspannend zugleich. Bringt dich zurück zu dem Wichtigsten, was es gibt: deine Familie, die Natur und das Leben.
(Blackpearl)